Kann ich das Buch noch lesen?
Ich lese gerade 'Nach vielen Sommern' von Aldous Huxley, erschienen 1939. In der deutschen Übersetzung tauchen wiederholt das N-Wort und eine feminisierte Form davon auf. Ich frage mich: Darf ich dieses Buch überhaupt lesen? Macht das Lesen mich mitschuldig? Oder muss ich es weglegen?
Anonymisiert eingereicht
Ja. Lesen ist kein Einverständnis. Die Sprache gehört zur Zeit, in der der Text entstand, das ist ein Teil des Textes, kein Grund, ihn wegzulegen.
Was das Wort damals bedeutete
Das N-Wort war in den 1930er Jahren die Standardübersetzung des englischen 'Negro', dem damals üblichen Begriff, der heute als Schimpfwort gilt. Es war im Kontext von 1939 nicht automatisch feindselig gemeint, spiegelte aber eine Zeit wider, in der Schwarze Menschen als Gruppe behandelt wurden, die weniger Differenzierung verdiente als andere. Huxley schrieb in dieser Welt, mit der Sprache dieser Welt.
Das ändert nichts daran, dass das Wort heute verletzt. Aber es erklärt, warum es dort steht.
Warum wir N-Wort schreiben
Du wirst bemerkt haben, dass wir das Wort in diesem Text nicht ausschreiben. Das ist eine redaktionelle Entscheidung, und sie verdient eine Erklärung.
Es gibt einen Unterschied zwischen einem Wort benutzen und ein Wort zitieren. Das stimmt. Aber dieser Unterschied schützt nicht vor der Wirkung. Das Wort verletzt beim Lesen, unabhängig davon, was der Satz drumherum sagt. Für eine Plattform, die auch von Schwarzen Menschen gelesen wird, wiegt dieser Effekt schwerer als die akademische Konvention, es 'zur Analyse' auszuschreiben. Die Erklärung funktioniert genauso mit 'N-Wort'. Das Ausschreiben ist nicht notwendig für Klarheit, es ist eine Wahl. Und wir treffen sie anders.
Das ist der Standard für alle Inhalte auf Erst Mensch.: Schimpfwörter, die direkt auf Herkunft oder Hautfarbe zielen, werden beschrieben, nicht wiederholt.
Lesen ist nicht Zustimmen
Ein Buch zu lesen bedeutet nicht, jedes Wort darin zu unterschreiben. Wer Shakespeares 'Kaufmann von Venedig' liest, stimmt nicht dem Antisemitismus zu, der darin steckt. Wer Mark Twain liest, teilt nicht alle Weltsichten, die seinen Texten zugrunde liegen. Literatur ist kein Wertekatalog, dem man beitritt, sie ist ein Spiegel einer Zeit, einer Gesellschaft, einer Sprache.
Das Lesen macht dich nicht mitschuldig. Es macht dich zu einem Leser von Geschichte.
Die Frage ist nicht 'ob', sondern 'wie'
Kritisch lesen bedeutet: das Wort erkennen, ohne es zu normalisieren. Bemerken, wenn ein Text Schwarze Figuren flach zeichnet oder ihnen keine eigene Perspektive gibt. Den Text in seinen Kontext setzen, nicht für ihn verdammen.
Huxley war in seiner Zeit ein progressiver, antifaschistischer Autor. Das schützte ihn nicht vor den blinden Flecken seiner Epoche. Beides ist gleichzeitig wahr.
Die Alternative funktioniert nicht
Wenn das Vorhandensein eines verletzenden Wortes bedeutet, dass ein Buch unlesbar ist, dann ist ein Großteil der Weltliteratur gesperrt. Das hilft niemandem. Es ersetzt Auseinandersetzung durch Vermeidung.
Es gibt einen Unterschied zwischen einem Buch, das rassistische Sprache dokumentiert, und einem Buch, das sie propagiert. Huxley tut ersteres.
Weiterlesen, und die Sprache als Zeitzeugen lesen, nicht als Empfehlung.
Direkt an die Kinder. Freundlich, ohne Bezug auf Herkunft, ohne Zeigefinger. Ein normaler sozialer Hinweis.
Schreib uns deine Situation. Anonym, konkret, ohne Wertung. Wir antworten.
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